Wie wirkt Yoga?

Wie wirkt Yoga eigentlich?

Yoga ist für uns erst einmal Körperarbeit. Das freie Fließen der Energie wird verbessert, die Tätigkeit der Drüsen im Körper wird gestärkt, die Chakras aktiviert (Energiezentren entlang der Wirbelsäule). Die Asana

  • bereiten den Körper vor für das Sitzen in der Meditation
  • beseitigen Blockaden und machen den Körper durchlässiger – physisch, psychisch und energetisch (in den kosa)
  • reinigen die Energiekanäle (nadis)
  • erhöhen die Lebensenergie im Körper (prana)
  • unterstützen das Erwecken und Fließen der schlafenden Bewusstseinskraft (kundalini)
  • kräftigen den Körper (auch um die erhöhten Energieströme der kundalini ertragen zu können).

So jedenfalls aus traditioneller Sicht. Klingt ja teilweise schon etwas kryptisch... wir nehmen es einfach mal so hin. Über die Körperarbeit - bestehend aus den asana (Körperstellungen, Dehn- und Drehübungen), pranayama (Lenkung der Energie über bewusstes Atmen) und Meditation (Konzentration) – wird jedenfalls das ganze System spürbar harmonisiert. So wächst allmählich eine innere Ruhe und das Bedürfnis, genau diese Ruhe häufiger erleben zu können - diesen Zustand, wenn das Gedankenfeuer im Kopf etwas stiller wird - auch wenn es nur einige Minuten oder gar Sekunden sind. Im jeden Fall spürt auch dann schon, wie traumhaft schön es ist, wenn der Geist ein klein wenig zu Ruhe kommt.

Unser Geist ist umtriebig und braucht eine starke Führung. Das wird besonders deutlich, wenn wir Übungen zur Meditation machen. Denn das genau das ist das eigentliche Ziel des Yoga: den Geist zur Ruhe zu bringen. Wie soll das gehen? Hinsetzen, Augen schließen, Wirbelsäule aufrichten, die Aufmerksamkeit zum Beispiel auf die Atmung richten. Du kannst mit Deinem Bewusstsein beobachten, wie Dein Körper atmet. Ohne Dein Zutun. Und genauso kannst Du mit Deinem Bewusstsein Dir dabei zuschauen, wie Dein Geist unablässig Gedanken produziert. Hinsetzen - das bedeutet also nicht, dass wir dann sofort keine Gedanken mehr hätten. Hab' insofern (besonders zu Beginn) nicht zu hohe Erwartungen an Dich. Es werden weiterhin alle möglichen Bilder im Kopf auftauchen, ob wir das wollen oder nicht. Entscheidend ist, diesen Gedanken nicht nachzufolgen, nicht an ihnen kleben zu bleiben, sondern immer wieder das Bewusstsein auf die Beobachtung der Atmung zu richten. Wenn wir doch an ihnen kleben bleiben oder wenn wir müde sind, dann korrigieren wir unsere Sitzhaltung, lassen die Gedanken los und kehren zurück zur Beobachtung der Atmung. Und das tun wir möglicherweise Tausende von Malen, immer und immer wieder.

"Warum sollte ich das denn machen?", wirst Du Dich vielleicht fragen. Wobei das "Warum" eher ein "Wofür" ist. Und die Antwort auf dieses "Wofür" spürst Du während Du übst. Und das bestimmt schon ganz am Anfang Deiner Meditationskarriere. Allmählich werden dann die Phasen der Konzentration länger und es gelingt Dir, immer fester Deine Aufmerksamkeit zu halten, Dein Bewusstsein gewinnt gewissermaßen Oberhand.

Wenn man hier noch etwas weiter denken möchte, kommt man an Patanjali, dem indischen Gelehrten und Verfasser der 2000 Jahre alten „Yoga-Sutra“ nicht vorbei. Der Yoga-Sutra ist ein stark komprimierter Text  und gilt als der Leitfaden des Raja Yoga (Sutra = Faden).

Meiner Vermutung nach war Patanjali nicht nur ein Gelehrter, sondern selbst ein Yogi, da er wahrscheinlich sonst nicht an das tradierte Wissen der Yogis gekommen wäre. Üblicherweise lebten die Aspiranten viele Jahre bei den weisen Yogis, die sie so mündlich und durch den gelebten Alltag in ihr Wissen über Yoga einweihten. Aufgeschrieben wurde zu dieser Zeit eher wenig. Insofern stellen die Sutra keine theoretische Abhandlung eines Gelehrten dar, sondern spiegeln eine über Jahrhunderte mündlich überlieferte Yogapraxis wider. Vielleicht hat der Yogi Patanjali die Sutra einfach als „Gedankenstütze“ für sich selbst notiert - in möglichst kurzer Form, einem Spickzettel gleich...?

Yoga ist das zur Ruhekommen der Gedanken im Geiste.

Dies besagt jedenfalls der zweite Vers der Yoga-Sutra. Patanjali beginnt in den Sutra immer mit dem Wichtigsten. So folgen weitere rund 190 Verse, die das Warum und Wie des Zur-Ruhe-Kommens im Detail erläutern. Hier wird auch deutlich, dass es aus Sicht des Raja Yoga um die Entwicklung und Beherrschung des Geistes geht – und das über das Mittel der Meditation. Die im Hatha Yoga im Vordergrund stehende und oben erwähnte Körperarbeit ist hierfür nur Mittel zum Zweck: asana machen den Körper geschmeidig – für das lange Sitzen in der Meditation; pranayama stärkt und lenkt der Fluss der Energie (prana) – die intensive Konzentration auf die Vorgänge der Atmung und die bewusst ausgeführten Atemtechniken können die Prozesse des Bewusstseins und die Erkenntnisfähigkeit beeinflussen.

Durch die bewusste Konzentration auf die Atemvorgänge bzw. die bewusste Steuerung der Atmung, beruhigt sich nach und nach der Fluss der Energie (prana). Dann erlebt man an sich selbst, wie dadurch auch die Gedanken im Geist stiller werden. Und wenn die Gedanken im Geist stiller werden, wird die Fokussierung auf die Atemvorgänge noch besser möglich und tiefer - und somit der Geist noch ruhiger…