Yoga

Was ist Yoga für mich? Was kann Yoga für Dich sein?

Prajnana Yoga Berlin basiert auf dem traditionellen Hatha und Raja Yoga. Yoga ist ein ganzheitlicher, vielseitiger Weg zur Entwicklung des Menschen. Körper, Geist und Seele sind im Menschen untrennbar verbunden. Körperliche Gesundheit, geistiges Wachstum, emotionale und seelische Erfüllung - dies alles kann mit Yoga im Alltag Realität werden.

Traditionelles Hatha und Raja Yoga

Das traditionelle Hatha und Raja Yoga stellt die Basis dar für die meisten der uns bekannten Yoga-Formen. Eine Vielzahl von Körperübungen unterstützt uns dabei, uns wieder zu spüren, uns wahrzunehmen, sozusagen den Kopf mit dem Bauch zu verbinden. Nach und nach entwickelt sich so wieder das eigene Empfinden für das, was gut für mich ist und was ich besser bleiben lasse. Letztlich entsteht auf diese Weise immer mehr Unterscheidungskraft und Klarheit. Der Weg führt so unweigerlich zum Wesentlichen - eben zur Weisheit (im Umgang mit sich selbst) und zur Intuition (Klarheit über das für mich Wichtige und Unwichtige). Die eigene innere Stimme wird wieder gehört und die Tiefen des Bewusstseins wahrgenommen. Der sich verbessernden körperlichen Gesundheit, die auch von den Menschen in Deiner Umgebung wahrgenommen wird, folgt eine zunehmende geistige Klarheit und Schärfung des Intellekts. Dies ermöglicht im Übrigen auch, eigene psychische Probleme lösen zu können und sich auch eventuellen Problemen der Seele zuzuwenden.

Wie wirkt Yoga eigentlich?

Yoga ist für uns erst einmal Körperarbeit. Das freie Fließen der Energie wird verbessert, die Tätigkeit der Drüsen im Körper wird gestärkt, die Chakras aktiviert (Energiezentren entlang der Wirbelsäule). Die Asana

  • bereiten den Körper vor für das Sitzen in der Meditation
  • beseitigen Blockaden und machen den Körper durchlässiger – physisch, psychisch und energetisch (in den kosa)
  • reinigen die Energiekanäle (nadis)
  • erhöhen die Lebensenergie im Körper (prana)
  • unterstützen das Erwecken und Fließen der schlafenden Bewusstseinskraft (kundalini)
  • kräftigen den Körper (auch um die erhöhten Energieströme der kundalini ertragen zu können)

Über die Körperarbeit - bestehend aus den asanas (Körperstellungen, Dehn- und Drehübungen), pranayama (Lenkung der Energie über bewusstes Atmen) und Meditation (Konzentration) – wird das ganze System harmonisiert. So wächst allmählich eine innere Ruhe und das Bedürfnis, genau diese Ruhe häufiger erleben zu können - diesen Zustand, wenn das Gedankenfeuer im Kopf stiller wird - auch wenn es nur einige Minuten oder gar Sekunden sind. Im jeden Fall spürt auch dann schon, wie traumhaft schön es ist, wenn der Geist zu Ruhe kommt. Und genau das ist das eigentliche Ziel des Yoga.

Und wenn man hier noch etwas weiter denken möchte, kommt man an Patanjali, dem indischen Gelehrten und Verfasser der 2000 Jahre alten „Yoga-Sutra“ nicht vorbei. Der Yoga-Sutra ist ein stark komprimierter Text  und gilt als der Leitfaden des Raja Yoga (Sutra = Faden).

Meiner Vermutung nach war Patanjali nicht nur ein Gelehrter, sondern selbst ein Yogi, da er wahrscheinlich sonst nicht an das tradierte Wissen der Yogis gekommen wäre. Üblicherweise lebten die Aspiranten viele Jahre bei den weisen Yogis, die sie so mündlich und durch den gelebten Alltag in ihr Wissen über Yoga einweihten. Aufgeschrieben wurde zu dieser Zeit eher wenig. Insofern stellen die Sutra keine theoretische Abhandlung eines Gelehrten dar, sondern spiegeln eine über Jahrhunderte mündlich überlieferte Yogapraxis wider. Vielleicht hat der Yogi Patanjali die Sutra einfach als „Gedankenstütze“ für sich selbst notiert - in möglichst kurzer Form, einem Spickzettel gleich...?

Yoga ist das zur Ruhekommen der Gedanken im Geiste.

Dies besagt jedenfalls der zweite Vers der Yoga-Sutra. Patanjali beginnt in den Sutra immer mit dem Wichtigsten. So folgen weitere rund 190 Verse, die das Warum und Wie des Zur-Ruhe-Kommens im Detail erläutern. Hier wird auch deutlich, dass es aus Sicht des Raja Yoga um die Entwicklung und Beherrschung des Geistes geht – und das über das Mittel der Meditation. Die im Hatha Yoga im Vordergrund stehende und oben erwähnte Körperarbeit ist hierfür nur Mittel zum Zweck: asana machen den Körper geschmeidig – für das lange Sitzen in der Meditation; pranayama stärkt und lenkt der Fluss der Energie (prana) – die intensive Konzentration auf die Vorgänge der Atmung und die bewusst ausgeführten Atemtechniken können die Prozesse des Bewusstseins und die Erkenntnisfähigkeit beeinflussen.

Durch die bewusste Konzentration auf die Atemvorgänge bzw. die bewusste Steuerung der Atmung, beruhigt sich nach und nach der Fluss der Energie (prana). Dann erlebt man an sich selbst, wie dadurch auch die Gedanken im Geist stiller werden. Und wenn die Gedanken im Geist stiller werden, wird die Fokussierung auf die Atemvorgänge noch besser möglich und tiefer - und somit der Geist noch ruhiger…

Was meint eigentlich "Erkenntnis"?

Der Begriff Meditation kommt von lateinisch meditatio, zu meditari „nachdenken, nachsinnen, überlegen“. Über was denken wir denn nun wiederrum nach? Über uns selbst. Und da wir über uns selbst nachdenken können, gibt es offensichtlich einen Unterschied zwischen dem Erkennenden (das Ich, das Subjekt) und dem Erkannten (die Charaktereigenschaften und Gefühle, das Objekt). Alles was wir durch unsere Sinne wahrnehmen können, ist demnach etwas außerhalb von uns. Die Selbsterkenntnis bezieht sich hier also auf etwas, das vom Ich noch getrennt ist.

Selbsterkenntnis oder Der Weg zur Erkenntnis

Selbsterkenntnis beschreibt einen längeren Prozess, der die Dualität von Subjekt und Objekt anerkennt und alles Wahrnehmbare als etwas notwendig „Äußeres“ definiert. Notwendig deshalb, weil sich das Selbst, der Wahrnehmende, über Gegenstände und Erkenntnisorgane überhaupt erst als reines Erkennen erfahren kann. Ohne das eine, kann das andere nicht auftauchen. Gewissermaßen erschaffen wir uns selbst eine Täuschung (das Verwechseln von Wahrgenommenen und Wahrnehmendem) damit wir dann wieder unser Selbst erkennen können. Sozusagen ein iterativer Selbsterkenntnisprozess.

Dann erst können gezielt diese Wahrnehmungen reduziert werden – ohne die Unterscheidung von Wahrgenommenen und Wahrnehmendem wäre das nicht möglich gewesen - durch das nach Innen gehen, um so das wahre Selbst, das reine Bewusstsein, Gott, den eigenen inneren Kern, unsere wahre Natur wieder zu erkennen.

Zusammenfassend könnte man sagen: Im Yoga und ganz konkret in der Meditation suchen wir den göttlichen Kern in uns. Den Kern, den wir im Laufe unseres Erwachsenwerdens vergessen haben. (Wenn wir jetzt die Perspektive ganz groß werden lassen, könnten wir von Menschwerdung, Inkarnation sprechen…aber nein…) Wir wollen wieder erkennen, dass wir Eins mit Gott sind. Yoga heißt „Eins werden, verbinden“. Und wenn wir dies erkennen? Was dann? Dazu kommen wir später…

Was ist der achtgliedrige Pfad?

Zurück zu Patanjali. Einen konkreten, auch in heutiger Zeit lebensgemäßen Weg der Erkenntnis beschreibt er ausführlich im Kapitel II der Yoga-Sutra. In diesem Kapitel geht es um konkrete Handlungsanweisungen für die Übungspraxis. Der achtgliedrige Pfad (asta = acht, anga = Glied, Teil) ist der Beleg dafür, dass Yoga viel mehr ist als Körperarbeit – eben ein ganzheitlicher, vielseitiger Weg zur Entwicklung des ganzen Menschen, mit all seinen alltäglichen „menschlichen Schwächen“ und allen Herausforderungen, die ihm das heutige Leben stellt. Die ersten beiden Aspekte des achtgliedrigen Pfades bestehen jeweils aus fünf Unteraspekten. In eine Form gebracht sieht der achtgliedrige Pfad so aus:

  1. Yama – Zurückhaltungen nach außen, Umgang mit Anderen
    • Ahimsa – Nicht-Schaden, Nicht-Verletzten
    • Satya – Wahrhaftigkeit
    • Asteya – Nicht-Stehlen
    • Brahmacharya – Wandeln auf den Wegen Gottes
    • Aparigraha – Nicht-Vereinnahmen, Unbestechlichkeit
  2. Niyama – Zurückhaltungen nach innen, Umgang mit sich selbst
    • Sauca – Reinheit
    • Samtosa – Zufriedenheit
    • Tapa – Disziplin, Askese (Teil 1 des Kriya Yoga)
    • Svadhyaya – Selbststudium (Teil 2 des Kriya Yoga)
    • Isvara pradidhana – Hingabe an Gott (Teil 3 des Kriya Yoga)
  3. Asana – Meditationshaltung
  4. Pranayama – Ausdehnung und Lenkung der Lebensenergie
  5. Pratyahara – Rückzug des Bewusstseins nach innen
  6. Dharana – Konzentration, Sammlung
  7. Dhyana – Meditation
  8. Samadhi – Versenkung

Lass uns etwas absteigen in die Tiefen der „Patanjalischen psychosomatischen Therapie“:
Vers 29, II: Achtung gegenüber Deinen Mitmenschen (yama) und gegenüber Dir selbst, (niyama), Harmonie mit Deinem Körper (asana), Deiner Energie (Pranayama), Deinen Emotionen (Pratyahara) und Deinen Gedanken (dharana), schließlich Versenkung (dhyana) und Ekstase (samadhi), sind die Glieder des achtfachen Pfades.

Das ist sicher erklärungsbedürftig. Patanjali hat leider die Angewohnheit, erklärungsbedürftige Erklärungen zu geben 😉 - das liegt an der Form der Sutra, die sehr verdichtet und kompakt einen eigentlich komplexen Inhalt wiedergeben. Er beschreibt in Vers 30 im Detail was „yama“ aus Vers 29 bedeutet. So sagt er in folgenden Sutra: Vers 30, II: Nicht verletzen (ahimsa), Wahrhaftigkeit (Satya), nicht stehlen (asteya), handeln im Bewusstsein eines höheren Ideals (brahmacharya) und Unbestechlichkeit (aparigraha), begründet die Achtung gegenüber den Mitmenschen (Yama).

Yama – Zurückhaltungen nach außen, Umgang mit Anderen

Yama – damit sind die Zurückhaltungen nach Außen, der Umgang mit Anderen gemeint. Patanjali gliedert dies in fünf Punkte. Wie gesagt, er beginnt immer mit dem Wichtigsten: ahimsa. Mit ahimsa steht und fällt praktisch die ganze Entwicklung, die wir als bewusster Mensch machen können.

Schaffst Du es, nicht über Dritte zu sprechen, die nicht anwesend sind? – schon gar nicht negativ? Stichwort: tratschen. Bist Du freundlich und nachsichtig gegenüber Anderen, hast Du Mitgefühl für Andere, hast Du auch Freude an den einfachen Dingen des Lebens, lässt Du Dich von vermeintlich schlimmen äußeren Umständen aus der inneren Ruhe bringen, bist Du bewusst offen gegenüber den Anliegen des Anderen… – diese Fragen berühren yogische Grundregeln, die jede Minute unseres Lebens eine Selbstprüfung sein lassen. Letztlich ist der Yogaweg ein Weg zur Reifung der eigenen Persönlichkeit.

Yama – Zurückhaltungen nach außen, Umgang mit Anderen

Ahimsa – Nicht-Schaden oder Nicht-Verletzen

Ahimsa bedeutet Nicht-Schaden oder Nicht-Verletzen. Nicht in Taten, nicht in Worten und nicht in Gedanken. Ahimsa widerspiegelt uns schonungslos den Grad der persönlichen Entwicklung und Selbsterkenntnis.
In welchem Umfang bin ich bereit, diese Regel anzunehmen bzw. kann ich sie einhalten und befolgen? Niemanden zu verletzen - keinen Menschen, kein Tier und keine Pflanze - das scheint mir ein sehr hohes Ziel zu sein. Kann das ein moderner Mensch überhaupt leisten? Wir alle sind doch als Teil eines globalen Handel- und Produktionsnetzes in undurchschaubare Abhängigkeiten verstrickt. Jeder Gang in den Supermarkt kann uns vor die Frage stellen, ob unser Handeln ahimsa entspricht.
Wer weiß schon, ob dies oder jenes Produkt im Einkaufswagen jemandem Schaden zugefügt hat? Letztlich kann nur jeder für sich ein Modell entwickeln, wo ahimsa beginnen und wie weit es reichen muss.

Vielleicht gibt uns das Wahrnehmen unseres Verhaltens im Umgang mit Anderen etwas Orientierung. Das Wahrnehmen unserer permanenten Bewertung der Menschen in unserem persönlichen Umfeld und der Menschen, denen wir begegnen oder die wir einfach nur sehen. Es geht um das Bemerken unserer inneren Stimme, die dauernd mit uns in unserem Kopf plappert: wie wir alle Menschen in gute oder schlechte, gefällt-mir oder gefällt-mir-nicht Menschen einteilen. Daran ist auch erstmal nichts falsch. Interessant ist dabei nur, dass und wenn diese permanente Beurteilung Einfluss hat auf unseren Umgang mit diesen Menschen, dass dies unser Sein beeinflusst. Obwohl wir die meisten Menschen ja gar nicht kennen.

Wahrnehmen unseres Verhaltens

Klar, nobody is perfect. Wir können uns aber bemühen, unseren Mitmenschen bewusst zu begegnen und uns unserer Vor-Urteile klar zu werden. Das braucht schon ein großes Maß an Rigorosität, sich darum zu bemühen. Und es geht darum, uns unserer eigenen Ziele im Umgang miteinander bewusst zu werden. Wer möchte ich sein? Als welche Art Mensch möchte ich anderen begegnen? Offen, aufrichtig, ehrlich, unvoreingenommen? Wie begegne ich meinem Nachbar, meinem Chef? Wie meiner Mutter, meinen Geschwistern? Wie dem Menschen, der mich zum x-sten mal stinkend in der S-Bahn anbettelt? Das ist sind sehr tiefgehende Alltagsfragen. Sie spiegeln bei ehrlicher und strenger Auseinandersetzung Deine persönliche Lebensgestaltung wider. Was bedeutet ahimsa für Dich? Was bedeutet dies für Deinen Alltag?

Satya – Wahrhaftigkeit

Wir können uns hier noch einmal das Ziel des Yoga vergegenwärtigen: yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ - Yoga ist das Zuruhebringen (Nirodha) der Bewegungen (Vritti) des Bewusstseins (Chitta). Oder anders gesagt: „Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen.“ – Patanjali Yoga Sutra, Kapital I, Vers 2, in der Übersetzung von Bettina Bäumer. Oder ganz kurz gesagt: Yoga soll den Geist zur Ruhe bringen.
Sind wir unaufrichtig oder nicht ehrlich, trägt das sicher nicht zur Beruhigung des Geistes bei. Im Gegenteil - es erzeugt eine innere Unruhe, da wir Strategien entwickeln (müssen), unsere Unaufrichtigkeit zu verschleiern. Satya meint also, das zu sagen, was wir denken und auch so zu handeln. Das ist authentisch sein.

Jedes yama bildet für sich ein eigenes Universum. Und alle yamas sind miteinander in Beziehung. Satya - Wahrhaftigkeit oder Aufrichtigkeit sind abstrakte Begriffe. Bedeuten sie, immer die Wahrheit zu sagen? Im Prinzip bestimmt, es sein denn, durch das Sprechen der Wahrheit wird gegen ahimsa – Nicht-Verletzten verstoßen.

Asteya – Nicht-Stehlen

Asteya spiegelt auf der einen Seite gewissermaßen unser Vertrauen in die Welt, in Gott, in das Leben wider. Aller Reichtum wird vorhanden sein, wenn mein Lebensalltag asteya entspricht. Auf der anderen Seite können wir prüfen, inwieweit wir akzeptieren können, dass das, was ich derzeit habe (im innen wie im außen) meinem bisherigen Sein entspricht.

Vielleicht bekomme ich ja mehr, wenn ich mehr tue, was anderen nutzbringend ist? Kannst Du Deine Wünsche, Hoffnungen und Ziele loslassen im Vertrauen darauf, dass alles seinen Ort und seinen Zeitpunkt hat?

Nicht-Stehlen scheint auf den ersten Blick mal ein übersichtliches yama zu sein. Zu nehmen, was einem nicht gehört, ist nicht in Ordnung – das weiß jeder. Interessant ist aber der innere Prozess, der dem Stehlen voran geht: das Haben-Wollen, was anderen gehört (Begierde, Gier), die Missgunst oder der Neid auf etwas oder jemanden. Wir sollen wir uns zur Meditation hinsetzen, wenn der Geist voller Neid und Missgunst ist? Nicht-Stehlen ist zu allererst eine geistige Haltung, das mir alles Notwendige gegeben ist oder mir zum richtigen Zeitpunkt gegeben wird – materiell, emotional und seelisch.

Brahmacharya – Wandeln auf den Wegen Gottes

Manchmal wird Brahmacharya übersetzt mit sexueller Enthaltsamkeit, Zölibat. Wenn man sich bewusst macht, dass wir mehr sind, als Fleisch und Knochen, und dass es da noch mehr geben muss als sich fortzupflanzen, dann geht es für mich bei Brahmacharya um ein Leben in bewusster Mäßigung und in Reinheit – auch in Sachen Sexualität. Darüber wird viel gesprochen, aber praktiziert wird es von weinigen. Meine eigene Erfahrung ist die, dass ich gnadenlos alle sozialen Verbindungen abschneiden und ein viel konsequenteres spirituelles Leben führen müsste, wenn ich mich von der sinnlichen Verhaftung befreien wollte…

Brahmacharya bedeutet "der Weg zu Brahman“ oder „im Brahmanen (Heiliger Geist) handelnd". Und brahman meint „größer als das Größte“. Wenn unsere Handlungen im Bewusstsein des höheren Ideals ausgeführt werden, dann ist man auf dem Weg der Selbsterkenntnis. Unser spiritueller Weg zeigt sich in unserem alltäglichen Handeln und Denken. Wo auch sonst? Die Bewegungen im Geist zur Ruhe kommen zu lassen - das kann seiner Auffassung nach nur gelingen, wenn wir immer mehr die Muster unseres Bewusstseins verstehen und kontrollieren können.

Aparigraha – Nicht-Vereinnahmen, Unbestechlichkeit

Aparigraha meint auch Nicht-Besitzen wollen. Alles, was wir besitzen nimmt uns Energie – wir haben es gewollt (viele Gedanken im Kopf), haben es irgendwann gekauft (mit Geld, dass wir irgendwo herbekommen mussten, Arbeit?) und wir es haben, müssen wir es auch nutzen, bedienen, pflegen, reparieren… (Zeit, Gedanken, Geld,…).

Und besitzen wir dann endlich das lang Ersehnte, dann sind wir vielleicht eine Zeitlang „glücklich“, aber schon folgt der nächste Wunsch, der erfüllt werden will – um wiedermal das Gefühl von Glück zu erleben. Und so sammelt sich im Laufe der Zeit ein Haufen Zeugs an.

Besitz bestimmt unser ganzes Dasein.

Das Wort „graha“ bedeutet so viel wie nehmen, vergrößern oder sich danach sehnen. „Pari“ meint „nach allen Richtungen“, „alles“ und das „a“ ist die Verneinung davon: Aparigraha heißt demnach, dass wir nur das nehmen und haben sollen, was wir wirklich brauchen, dass wir nur das haben und behalten, was uns in diesem Moment dienlich ist und sonst alles loszulassen, wenn die Zeit dafür da ist.

Niyama – Zurückhaltungen nach innen, Umgang mit sich selbst

Sauca – Reinheit

Niyama – das sind die Zurückhaltungen nach innen, der Umgang mit sich selbst. Patanjali gliedert auch dies in fünf Punkte. Er beginnt mit sauca, der Reinheit – wobei man ahnt, dass es sich wahrscheinlich nicht nur um die äußere Reinheit des Körpers handelt.
Vers 32, II: Sauberkeit (Saucha), Zufriedenheit (Santosa), Selbstdisziplin (Tapas), Lernen von sich selbst (Svadhyaya) und Annehmen seines Schicksals (Isvara pradidhana), das macht die Achtung vor sich selbst aus (Niyama).

Das Bedürfnis nach äußerlicher Sauberkeit und Hygiene von Körper und Kleidung ist wahrscheinlich für jeden von uns selbstverständlich (leider ist dies noch nicht allen Menschen möglich…). Darüber hinaus sind sicher auch die Reinheit des Hauses, der Wohnung, des Schreibtisches usw. gemeint. Darüber muss man hier wohl nicht weiter sprechen.
Wie steht es aber mit der inneren Reinheit und was ist damit gemeint? Ich verstehe Patanjali hier so, dass er die physiologische Reinheit des Körpers meint und nicht eine weitergehende Reinheit von Geist oder Seele. Dies ist meiner Meinung nach in anderen Sutra abgedeckt. Vielleicht schließt sauca die bewusste Wachheit dahingehend ein, welche Inhalte wir mit unseren Sinnen in uns aufnehmen. Was muten wir uns zu? Über das Fernsehen, über Gespräche, über den Kontakt mit Menschen und Dingen?

Das Üben der asanas und pranayama ist ein zentraler Beitrag für sauca. Fasten ist ein sehr geeignetes Mittel, um den Körper zu entlasten und zu entschlacken. Gleiches gilt für das intensive Spülen von Magen und Darm mit Salzwasser (shankhaprakshalana). Und es ist naheliegend, dass mit sauca auch die richtige Nahrung gemeint ist, die wir mit der richtigen Einstellung zu uns nehmen (vegetarisch).
Ein weiterer Aspekt von sauca betrifft den Kontakt mit anderen Körpern und damit auch die Sexualität. Aber das ist ein Thema für sich… Jedenfalls berührt alles, was den Körper berührt, auch das Bewusstsein mit Gedanken und Gefühlen und umgekehrt.

Reinheit meint also im Wesentlichen den Körper. Außen - ist klar. Innen – meint mit Bezug auf die angestrebte Bewusstwerdung das Freisein von Giften, Ablagerungen, Schleimen usw., die unsere Übungspraxis erschweren und die Wahrnehmung von uns selbst beeinträchtigen und behindern würden. In der Hatha Yoga Pradipika, dem Standardwerk des Hatha Yoga, sind eine Vielzahl von satkarmas oder satkriyas – Reinigungstechniken beschrieben, die der Übende regelmäßig durchführen kann. Dazu gehören dhauti – das Hinunterschlucken und Herausziehen eines feuchten Tuchs zur Reinigung des Magens und der Speiseröhre, basti – der Einlauf zur Reinigung des Enddarms, neti – die Spülung der Nase und Nasennebenhöhlen, tratak – Reinigung der Augen durch Fixierung des Blicks auf einen Gegenstand (z. B. eine brennende Kerze), nauli – die Rotation der Bauchdecke zur Aktivierung der Verdauung und Reinigung des Dünndarms und kapalabhati – die Stoßatmung (durch rhythmisches Einziehen der Bauchdecke) zur Reinigung der Atemwege.

...wird fortgesetzt...