Yama – Zurückhaltungen nach außen, Umgang mit Anderen

Yama – das sind soziale Regeln für den Umgang mit Anderen. Patanjali gliedert sie in fünf Punkte. Der erste ist ahimsa. Mit ahimsa steht und fällt praktisch die ganze Entwicklung, die wir als bewusster Mensch machen können.

Schaffst Du es, nur positiv über Menschen zu sprechen, die nicht anwesend sind? Stichwort tratschen. Bist Du ehrlich, freundlich und nachsichtig gegenüber Anderen? Hast Du Mitgefühl für Andere? Hast Du auch Freude an den einfachen Dingen des Lebens? Lässt Du Dich von vermeintlich schlimmen äußeren Umständen aus der inneren Ruhe bringen? Bist Du bewusst offen gegenüber den Anliegen der Anderen? Diese Fragen berühren menschliche Grundregeln, die jede Minute unseres Lebens eine Selbstprüfung sein lassen. Letztlich ist Yoga ein Weg zur Reflexion und zur Reifung der eigenen Persönlichkeit.

1 Ahimsa – Nicht-Schaden oder Nicht-Verletzen

Ahimsa bedeutet Nicht-Schaden oder Nicht-Verletzen. Nicht in Taten, nicht in Worten und nicht in Gedanken. Ahimsa widerspiegelt uns schonungslos den Grad der persönlichen Entwicklung und Selbsterkenntnis.
In welchem Umfang bin ich bereit, diese Regel anzunehmen bzw. kann ich sie einhalten und befolgen? Niemanden zu verletzen - keinen Menschen, kein Tier und keine Pflanze - das scheint mir ein sehr hohes Ziel zu sein. Kann das ein moderner Mensch überhaupt leisten? Wir alle sind doch als Teil eines globalen Handel- und Produktionsnetzes in undurchschaubare Abhängigkeiten verstrickt. Jeder Gang in den Supermarkt kann uns vor die Frage stellen, ob unser Handeln ahimsa entspricht.
Wer weiß schon, ob dies oder jenes Produkt im Einkaufswagen jemandem Schaden zugefügt hat? Letztlich kann nur jeder für sich ein Modell entwickeln, wo ahimsa beginnen und wie weit es reichen muss.

Vielleicht gibt uns das Wahrnehmen unseres Verhaltens im Umgang mit Anderen etwas Orientierung. Das Wahrnehmen unserer permanenten Bewertung der Menschen in unserem persönlichen Umfeld und der Menschen, denen wir begegnen oder die wir einfach nur sehen. Es geht um das Bemerken unserer inneren Stimme, die dauernd mit uns in unserem Kopf plappert: wie wir alle Menschen in gute oder schlechte, gefällt-mir oder gefällt-mir-nicht Menschen einteilen. Daran ist auch erstmal nichts falsch. Interessant ist dabei nur, dass diese Dauerbeurteilung Einfluss hat auf unseren Umgang mit diesen Menschen, dass dies unser Sein beeinflusst. Obwohl wir die meisten Menschen ja gar nicht kennen.

Wahrnehmen unseres Verhaltens

Wir können uns bemühen, unseren Mitmenschen bewusst zu begegnen und uns unserer Vor-Urteile klar zu werden. Das braucht schon ein großes Maß an Rigorosität, sich darum als Teil der Yama zu bemühen. Und es geht darum, uns unserer eigenen Ziele im Umgang mit anderen Menschen bewusst zu werden. Wer möchte ich sein? Als welche Art Mensch möchte ich anderen begegnen? Offen, aufrichtig, ehrlich, unvoreingenommen? Wie begegne ich meinem Nachbar, meinem Chef? Wie meiner Mutter, meinen Geschwistern? Wie dem Menschen, der mich zum x-sten mal stinkend in der S-Bahn anbettelt? Das ist sind sehr tiefgehende Alltagsfragen. Sie spiegeln bei ehrlicher und strenger Auseinandersetzung Deine persönliche Lebensgestaltung wider. Was bedeutet ahimsa für Dich? Was bedeutet dies für Deinen Alltag?

2. Satya – Wahrhaftigkeit

Wir können uns hier noch einmal das Ziel des Yoga vergegenwärtigen: yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ - Yoga ist das Zuruhebringen (Nirodha) der Bewegungen (Vritti) des Bewusstseins (Chitta). Oder anders gesagt: „Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen.“ – Patanjali Yoga Sutra, Kapital I, Vers 2, in der Übersetzung von Bettina Bäumer. Oder ganz kurz gesagt: Yoga soll den Geist zur Ruhe bringen.
Sind wir unaufrichtig oder nicht ehrlich, wollen wir andere täuschen, dann trägt das sicher nicht zur Beruhigung des Geistes bei. Im Gegenteil - es erzeugt eine innere Unruhe, da wir Strategien entwickeln (müssen), unsere Unaufrichtigkeit zu verschleiern. Satya meint also, das zu sagen, was wir denken und auch so zu handeln, wahrhaftig, ehrlich und aufrichtig zu sein.

Jedes yama bildet für sich ein eigenes Universum. Und alle yamas sind miteinander in Beziehung. Satya - Wahrhaftigkeit oder Aufrichtigkeit sind abstrakte Begriffe. Bedeuten sie, immer die Wahrheit zu sagen? Im Prinzip bestimmt, es sein denn, durch das Sprechen der Wahrheit wird gegen ahimsa – Nicht-Verletzten verstoßen.

3. Asteya – Nicht-Stehlen

Asteya spiegelt auf der einen Seite gewissermaßen unser Vertrauen in die Welt, in Gott, in das Leben wider. Aller Reichtum wird vorhanden sein, wenn mein Lebensalltag asteya entspricht. Auf der anderen Seite können wir im Rahmen der Yama prüfen, inwieweit wir akzeptieren können, dass das, was ich derzeit habe (im innen wie im außen) meinem bisherigen Sein entspricht.

Vielleicht bekomme ich ja mehr, wenn ich mehr tue, was anderen nutzbringend ist? Kannst Du Deine Wünsche, Hoffnungen und Ziele loslassen im Vertrauen darauf, dass alles seinen Ort und seinen Zeitpunkt hat?

Nicht-Stehlen scheint auf den ersten Blick mal ein übersichtliches yama zu sein. Zu nehmen, was einem nicht gehört, ist nicht in Ordnung – das weiß jeder. Interessant ist aber der innere Prozess, der dem Stehlen voran geht: das Haben-Wollen, was anderen gehört (Begierde, Gier), die Missgunst oder der Neid auf etwas oder jemanden. Wie sollen wir uns zur Meditation hinsetzen, wenn der Geist unruhig und voller Neid und Missgunst ist? Nicht-Stehlen ist zu allererst eine geistige Haltung, das mir alles Notwendige gegeben ist oder mir zum richtigen Zeitpunkt gegeben wird – materiell, emotional und seelisch.

4. Brahmacharya – Wandeln auf den Wegen Gottes

Brahmacharya wird als Teil der Yama häufig übersetzt mit sexueller Enthaltsamkeit, Zölibat. Ich vermute, dass das eine zu enge Auslegung ist. Abgesehen davon dürften die meisten nicht im Kloster lebenden Menschen irgendwie ein Thema damit haben... Ich bin aber sicher, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, sich verbunden zu fühlen mit dem Göttlichen. Auch wenn wir das total aus den Augen verloren haben und wir im Alltag sehr viel dafür tun, die Leere nicht zu spüren, die wir trotz Familie, Freunden, Beruf, Verein etc. empfinden.
Brahmacharya bedeutet für mich eher, dass wir uns eingestehen, uns nach Gott zu sehnen. Nach Verbundenheit. Nach bedingungsloser Liebe. Nach Vertrauen. Das würde ich zusammenfassend Glück nennen. Und wenn wir uns das erlauben, geht damit automatisch Zurückhaltung und Friedfertigkeit einher, das Verlangen nach Ablenkung im Außen wird weniger und wir können uns gezielt und dosiert „enthalten“ von dem, was nur vortäuscht, uns glücklich zu machen.

Brahmacharya bedeutet "brahmischer Wandel", "der Weg zu Brahman“ oder „im Brahmanen (Heiliger Geist) handelnd". Und brahman meint „größer als das Größte“. Wenn unsere Handlungen im Bewusstsein eines höheren Ideals ausgeführt werden, dann sind wir auf dem Weg der Selbsterkenntnis. Unser spiritueller Weg zeigt sich in unserem alltäglichen Handeln und Denken. Wo auch sonst? Die Bewegungen im Geist zur Ruhe kommen zu lassen - das kann nach Auffassung von Patanjali nur gelingen, wenn wir immer mehr die Muster unseres Bewusstseins verstehen und kontrollieren können.

5. Aparigraha – Nicht-Vereinnahmen, Unbestechlichkeit, Besitzlosigkeit

Aparigraha meint auch Nicht-Besitzen wollen. Alles, was wir besitzen nimmt uns Energie – wir haben es gewollt (viele Gedanken im Kopf), haben es irgendwann gekauft (mit Geld, dass wir irgendwo herbekommen mussten, Arbeit?) und wenn wir es haben, müssen wir es auch nutzen, bedienen, pflegen, reparieren… (Zeit, Gedanken, Geld,…).

 

Und besitzen wir dann endlich das lang Ersehnte, dann sind wir vielleicht eine Zeitlang „glücklich“, aber schon folgt der nächste Wunsch, der erfüllt werden will – um wiedermal das Gefühl von Glück zu erleben. Und so sammelt sich im Laufe der Zeit ein Haufen Zeugs an.

Besitz bestimmt unser ganzes Dasein.

Das Wort „graha“ bedeutet so viel wie fassen, nehmen, vergrößern oder sich danach sehnen. „Pari“ meint „nach allen Richtungen“, „alles“ und das „a“ ist die Verneinung davon: Aparigraha ("Nichtsumfassen") heißt demnach, dass wir nur das nehmen und haben sollen, was wir wirklich brauchen, dass wir nur das haben und behalten, was uns in diesem Moment dienlich ist und sonst alles loszulassen, wenn die Zeit dafür da ist.